Toxicology & Applied Science

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Konzentration und ökotoxisches Potenzial von UWTD-Blei-Stoffen in bayerischen Kläranlagenabwässern

1 Einleitung

Ende 2024 wird die EU-Abwasserbehandlungsrichtlinie (UWTD) wurde vom Europäischen Parlament verabschiedet. Die Richtlinie wurde als EU-Richtlinie 2024/3019 im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht und stellt eine Überarbeitung der EG-Richtlinie 91/271/EWG über die Behandlung von kommunalem Abwasser dar, die 1991 verabschiedet worden war. Mit der geänderten Abwasserrichtlinie stellt die EU zum ersten Mal seit über 30 Jahren neue Anforderungen an die Behörden und die kommunale Abwasserwirtschaft.

Die geänderte EU-Richtlinie über kommunales Abwasser 2024/3019 erlegt den Behörden und Akteuren im Bereich der Wasserwirtschaft eine breite Palette zusätzlicher Anforderungen auf. Die wichtigsten Änderungen der EU-Richtlinie über kommunales Abwasser 2024/3019 die Anforderungen an die vierte Behandlungsstufe und damit verbunden die Anforderungen an die kontinuierliche Überwachung der Mikroverunreinigungen. In diesem Zusammenhang ist eine Risikobewertung geplant, um Gemeinden zu ermitteln, in denen die Konzentration oder Akkumulation von Mikroverunreinigungen aus kommunalen Kläranlagen ein unannehmbares Risiko für die Umwelt oder die menschliche Gesundheit darstellt. Auf der Grundlage dieser Bewertung muss bis Ende 2030 eine Liste der gefährdeten Gemeinden erstellt werden, die dann im Jahr 2033 und danach alle sechs Jahre überprüft und gegebenenfalls aktualisiert werden soll. Darüber hinaus ist die EU-Kommission befugt, die von den Mitgliedstaaten angewandten Methoden zur Überwachung und Bewertung anzupassen Mikroverunreinigungen den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt durch delegierte Rechtsakte zu fördern.

Die quartäre Behandlung mit einer Mindestschadstoffentfernungsrate von 80% für Trockenwetterabflüsse soll bis 2045 schrittweise eingeführt werden, zunächst für Kläranlagen mit einer Abwasserbelastung von ≥ 150.000 EW sowie für Kläranlagen in städtischen Gebieten mit ≥ 10.000 EW, die ihr Abwasser in Gebiete einleiten, die in der Risikobewertung als gefährdet eingestuft wurden. Unabhängig von dem Gebiet, in das eine Kläranlage einleitet, ist die Überwachung auf Mikroverunreinigungen muss für alle Kläranlagen ≥ 10.000 EW mit monatlicher Probenahme eingeführt werden.

Um zu überprüfen, ob die geforderte 80%-Eliminierungsrate für Mikroverunreinigungen die EU UWTD spezifiziert Indikatorsubstanzen, die zur Bestimmung der Eliminationsrate einer Kläranlage verwendet werden können für Mikroverunreinigungen (siehe Tabelle 1). Mit ihrem Konzept, den Behandlungseffekt anhand von Indikatorsubstanzen zu testen, hat die EU UWTD steht in direktem Zusammenhang mit dem Konzept der entsprechenden schweizerischen Gesetzgebung, das sich in der praktischen Umsetzung bereits bewährt hat (Wunderlin et al., 2024). Die Liste der Indikatorsubstanzen enthält eine breite Palette von Arzneimitteln und anderen Stoffen, die der durchschnittliche moderne Mensch verwendet.

Bei der Auswahl der Stoffe wurden Kriterien berücksichtigt wie: häufig im Abwasser vorkommend (nicht nur sporadisch in lokalen Gebieten), kontinuierlich ins Abwasser gelangend, mit Standard-Analyseverfahren messbar, unzureichende Entfernung in biologischen Behandlungsstufen, mit Ozon und/oder Aktivkohle gut bis sehr gut eliminierbar. Die Stoffe wurden nicht aufgrund ihres ökotoxikologischen Potenzials ausgewählt. Einige der in der Liste aufgeführten Stoffe werden jedoch mit Umweltrisiken in Verbindung gebracht und stellen in den Konzentrationen, in denen sie regelmäßig in Einleitungen kommunaler Kläranlagen vorkommen, eine Gefahr für Ökosysteme dar.

Mit Ausnahme von Benzotriazol und seinen Derivaten handelt es sich bei allen in der Liste aufgeführten Stoffen um Arzneimittel, die für verschiedene Indikationen verwendet werden. Benzotriazol ist eine heterocyclische organische Verbindung, die als Korrosionsschutzmittel für Kupfer und seine Legierungen sowie für Silber, Aluminium und Zink verwendet wird. Es kommt auch in einigen Geschirrspülmitteln vor, denen es zugesetzt wird, um Silbergeschirr vor Korrosion zu schützen. Amisulprid ist ein Medikament, das zur Gruppe der atypischen Neuroleptika gehört. Es wird zur Behandlung von Psychosen und Schizophrenie eingesetzt. Carbamazepin ist ein Antikonvulsivum, das zur Behandlung von Epilepsie und neuropathischen Schmerzen eingesetzt wird. Citalopram wird als Antidepressivum eingesetzt und gehört zur Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI). Clarithromycin ist ein Antibiotikum, das zur Behandlung verschiedener bakterieller Infektionen eingesetzt wird. Diclofenac ist ein nichtsteroidales Antirheumatikum (NSAID), das zur Behandlung leichter bis mäßiger Schmerzen eingesetzt wird und hilft, die Symptome von Arthritis wie Entzündungen, Schwellungen, Steifheit und Gelenkschmerzen zu lindern. Hydrochlorothiazid ist ein Diuretikum vom Thiazid-Typ, das die Natriumresorption in den distalen Tubuli der Niere hemmt. Es ist ein Medikament, das zur Behandlung von Bluthochdruck und peripheren Ödemen zugelassen ist. Metoprolol ist ein kardioselektiver Betablocker, der zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen und koronarer Herzkrankheit eingesetzt wird. Außerdem wird es zur Migräneprophylaxe eingesetzt. Candesartan und Irbesartan werden beide häufig zur Behandlung von Bluthochdruck (Hypertonie), Herzinsuffizienz und Nierenproblemen eingesetzt. 

Die EU-Richtlinie über kommunale Abwässer 2024/3019 legt außerdem fest, dass der Prozentsatz der Mikroverunreinigungen muss für mindestens sechs Stoffe im Trockenwetterabfluss bestimmt werden. Die Stoffe werden in zwei Kategorien eingeteilt, wobei die Anzahl der aus Kategorie 1 ausgewählten Stoffe doppelt so hoch sein muss wie die Anzahl der aus Kategorie 2 ausgewählten Stoffe (siehe Tabelle 1). Können weniger als sechs Stoffe in ausreichender Konzentration gemessen werden, bestimmt die zuständige Behörde erforderlichenfalls andere Stoffe für die Berechnung des Mindestprozentsatzes der Schadstoffentfernung. Um zu beurteilen, ob der geforderte spezifische Mindestprozentsatz der Schadstoffentfernung von 80% erreicht wurde, ist der Durchschnitt der für alle Einzelstoffe berechneten Eliminationsraten anzuwenden. Für die Probenahme von MikroverunreinigungenAn bestimmten Stellen am Auslass und am Einlass der kommunalen Kläranlage werden durchflussproportionale oder zeitproportionale 48-Stunden-Proben entnommen.

Tab. 1: Mikroverunreinigungen zur Bestimmung der Eliminationsrate einer Kläranlage

Substanz

CAS-Nummer

Kategorie

Amisulprid

71675-85-9

Kategorie 1

Carbamazepin

298-46-4

Kategorie 1

Citalopram

59729-33-8

Kategorie 1

Clarithromycin

81103-11-9

Kategorie 1

Diclofenac

15307-86-5

Kategorie 1

Hydrochlorothiazid

58-93-5

Kategorie 1

Metoprolol

37350-58-6

Kategorie 1

Venlafaxin

93413-69-5

Kategorie 1

Benzotriazol

95-14-7

Kategorie 2

Candesartan

139481-59-7

Kategorie 2

Irbesartan

138402-11-6

Kategorie 2

4-Methylbenzotriazol

29878-31-7

Kategorie 2

5-Methylbenzotriazol

136-85-6

Kategorie 2

2 Zielsetzung

Um eine Eliminationsrate von 80% für einzelne Stoffe nachzuweisen, muss der Stoff im Zulauf der Kläranlage in einer Konzentration vorkommen, die mindestens 5 und idealerweise 10 mal höher ist als die Nachweisgrenze der angewandten Analysemethode. Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es, zu überprüfen, ob diese Bedingung für bayerische Kläranlagen erfüllt ist. Deshalb, Mikroverunreinigungen werden Überwachungsdaten für Abwässer bayerischer Kläranlagen für die Jahre 2015 bis 2023 verwendet, die aus dem LIMNO-Gewässerüberwachungssystem des LFU Bayern stammen. Außerdem werden die ökotoxisch Das Potenzial der nachgewiesenen Stoffkonzentrationen wird bewertet und die verfügbaren Überwachungsdaten werden mit einer Schweizer Studie verglichen, die zwischen 2016 und 2022 Überwachungsdaten in verschiedenen Schweizer Kläranlagen erhoben hat. (Wunderlin et al., 2024)

3 Ergebnisse

Gemessene mediane Konzentrationen der UWTD Bleisubstanzen in bayerischen Kläranlagen reichen von 0,15 bis 6,5 µg/l (siehe Tab. 2). Benzotriazol hat mit 6,5 µg/l die höchste mittlere Ablaufkonzentration, während Citalopram mit 0,15 µg/L die niedrigste mittlere Ablaufkonzentration der Blei-Substanzen aufweist. Mit Ausnahme von Clarithromycin, Diclofenac und Irbesartan war die mittlere Konzentration in den Abwässern bayerischer Kläranlagen im Zeitraum 2015-2023 höher als die mittleren Konzentrationswerte, die am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen im Zeitraum 2016-2022 festgestellt wurden (siehe Tab. 2). Keine der bayerischen Kläranlagen verfügte über eine vierte Behandlungsstufe zur Eliminierung von Mikroverunreinigungen zum Zeitpunkt der Überwachung. Für Clarithromycin, Diclofenac und Irbesartan sind die mittleren Konzentrationen im Abwasser der bayerischen Kläranlage etwas niedriger als die mittleren Konzentrationen, die am Zulauf der Schweizer Kläranlage gemessen wurden. Dies könnte auf eine geringere Verwendung und damit Freisetzung dieser Stoffe in das Abwasser in Bayern und/oder auf die Tatsache zurückzuführen sein, dass die Konzentrationen im Abwasser aufgrund einer teilweisen Eliminierung dieser Verbindungen in der biologischen Behandlungsstufe der Kläranlagen niedriger sind als die Konzentrationen im Zulauf. Allerdings sind die Eliminationsraten der UWTD Bleisubstanzen in den biologischen Behandlungsstufen liegen deutlich unter 50%, was eines der Kriterien für die Auswahl der Substanzen war (Wunderlin et al., 2024).

Tab. 2: Konzentrationen von UWTD Bleisubstanzen in bayerischen Kläranlagen im Zeitraum 2015-2023 und Vergleich mit den in der Schweizer Referenzstudie beobachteten Konzentrationen im Zeitraum 2016-2022

Substanz

CAS-Nummer

Anzahl der Proben [#]

Anzahl der Proben < Nachweisgrenze [#]

Median Konz. [10%- und 90%-Quantil] am Ablauf bayerischer Kläranlagen (µg/l)

Median Konz. [10%- und 90%-Quantil] am Eingang ausgewählter Schweizer Kläranlagen (µg/l)

Amisulprid

71675-85-9

80

11

0.58 [0.20;1.00]

0.22 [0.04; 0.76]

Carbamazepin

298-46-4

92

1

0.55 [0.35; 0.97]

0.2 [0.07; 0.48]

Citalopram

59729-33-8

92

22

0.20 [0.14; 0.44]

0.15 [0.07; 0.28]

Clarithromycin

81103-11-9

92

30

0.15 [0.07; 0.41]

0.20 [0.04;0.53]

Diclofenac

15307-86-5

92

0

1.80 [1.01; 3.09]

1.87 [0.88; 3.27]

Hydrochlorothiazid

58-93-5

92

0

1.75 [0.88; 3.09]

1.23 [0.61; 2.06]

Metoprolol

37350-58-6

92

0

1.3 [0.80; 2.20]

0.47 [0.16; 1.04]

Venlafaxin

93413-69-5

92

12

0.41 [0.24; 0.57]

0.25 [0.12; 0.45]

Benzotriazol

95-14-7

105

0

6.5 [3.58; 10.00]

5.6 [2.6; 14.0]

Candesartan

139481-59-7

92

1

1.0 [0.55; 2.50]

0.51 [0.24; 0.95]

Irbesartan

138402-11-6

92

1

0.8 [0.39; 1.30]

1.07 [0.29; 2.81]

Bei Stoffen mit niedrigen Konzentrationen im Kläranlagenzulauf kann die analytische Nachweisgrenze im Kläranlagenablauf zu hoch sein, um eine 90%-Eliminierungsrate nachzuweisen. Dies liegt daran, dass die Konzentration im Kläranlagenzulauf mindestens zehnmal höher sein muss als die Nachweisgrenze des Stoffes im Kläranlagenablauf, um eine 90%-Eliminationsrate nachzuweisen. Außer für Clarithromycin wurde diese Bedingung für alle UWTD Bleisubstanzen, die im Jahr 2023 in Abwässern bayerischer Kläranlagen gemessen wurden (siehe Tab. 3). Für Clarithromycin lag der Koeffizient aus mittlerer Konzentration und Nachweisgrenze knapp unter zehn. Nach der EU-Kommunalabwasserrichtlinie 2024/3019 soll die Eliminationsrate einer vierten Behandlungsstufe auf Basis des Trockenwetterabflusses für mindestens sechs Stoffe berechnet werden. Da der mittlere Konzentrationskoeffizient bzw. die Nachweisgrenze für Clarithromycin < 10 ist, müssen einige bayerische Kläranlagen bei der Berechnung der Eliminationsrate für neu eingeführte vierte Behandlungsstufen möglicherweise einen anderen Stoff als Clarithromycin verwenden. Die analytischen Nachweisgrenzen aus dem 2023 durchgeführten Monitoring am Ablauf der bayerischen Kläranlagen lagen bei 0,01 bzw. 0,02 µg/L (siehe Tab. 3).

Tab. 3: Konzentrationen und Nachweisgrenzen von UWTD-Blei-Stoffen in bayerischen Kläranlagen im Jahr 2023

Substanz

CAS-Nummer

Anzahl der Proben [#]

Anzahl der Proben < Nachweisgrenze [#]

Mediane Umweltkonzentration (MEC) [10%- und 90%-Quantil] am Ablauf bayerischer Kläranlagen (µg/l)

Nachweisgrenze (µg/l)

Mediane Konzentration (MEC) / Nachweisgrenze

Amisulprid

71675-85-9

8

0

0.69 [0.19; 1.00]

0.01

69

Carbamazepin

298-46-4

8

0

0.35 [0.27; 0.41]

0.01

35

Citalopram

59729-33-8

8

0

0.20 [0.14; 0.21]

0.01

20

Clarithromycin

81103-11-9

8

0

0.09 [0.05; 0.26]

0.01

9

Diclofenac

15307-86-5

8

0

1.50 [1.37; 2.00]

0.01

150

Hydrochlorothiazid

58-93-5

8

0

1.15 [0.61; 1.52]

0.02

58

Metoprolol

37350-58-6

8

0

1.06 [0.73; 1.59]

0.01

106

Venlafaxin

93413-69-5

8

0

0.50 [0.37; 0.60]

0.01

50

Benzotriazol

95-14-7

8

0

3.80 [1.76; 7.17]

0.01

380

Candesartan

139481-59-7

8

0

2.45 [1.84; 2.83]

0.01

245

Irbesartan

138402-11-6

8

0

0.44 [0.30; 0.56]

0.01

44

Zur Bewertung der ökotoxikologisch Potenzial der UWTD-Blei-Stoffe in bayerischen Kläranlagenabwässern ökotoxikologisch Studiendaten und abgeleitete Umweltqualitätsnormen (UQN) und/oder Predicted-no-effect concentration (PNEC) in den folgenden Unterkapiteln zusammengestellt. Wenn mehrere Studien zur Bewertung verschiedener Endpunkte für mehrere trophischen Ebenen verfügbar waren, wurde in der Regel die Studie, welche bei der niedrigsten Konzentration schädliche Wirkungen beobachtete, als kritische Studie zur Ableitung einer durchschnittlichen jährlichen Umweltqualitätsnorm herangezogen. Wann immer eine EQS abgeleitet nach dem entsprechenden technischen Leitfaden der EU (Europäische Kommission, 2017) verwendet wurde. Der kritische EQS Werte abgeleitet für UWTD Bleisubstanzen sind in Tab. 4 unten dargestellt. Immer wenn die mittlere Umweltkonzentration eines Stoffes den abgeleiteten EQS Wert wird davon ausgegangen, dass die Stoffkonzentration im Abwasser ein ökotoxikologisches Potenzial aufweist. Die ökologischen Sicherheitsmargen (MOS) wurden berechnet, indem der abgeleitete Jahresmittelwert EQS Werte einer Substanz durch die entsprechende mittlere Umweltkonzentration (siehe Tab. 4). Wenn also der MOS-Wert einer Substanz < 1 ist, stellt die Substanz ein ökotoxikologisch Potenzial. Basierend auf den Überwachungsdaten von 2015-2023 sind die Konzentrationen von Carbamazepin (MOS=0,91), Clarithromycin (MOS=0,87), Diclofenac (MOS=0,02) und Irbesartan (MOS=0,53) stellen ein ökotoxikologisches Potenzial dar. Betrachtet man nur die Überwachungsdaten aus dem Jahr 2023, Diclofenac (MOS=0,03), Venlafaxin (MOS=0,88) und Irbesartan (MOS=0,95) stellen ein ökotoxikologisches Potenzial dar. Stoffe mit einem MOS < 10 basierend auf den Überwachungsdaten von 2015-2023 sind Amisulprid (MOS=9,3), Venlafaxin (MOS=1,1) und Benzotriazol (MOS=2,9). Betrachtet man nur die Überwachungsdaten für 2023, gilt diese Bedingung für Carbamazepin (MOS=1,4), Clarithromycin (MOS=1,4) und Benzotriazol (MOS=5,0).

SubstanzCAS-NummerMittlere Umweltkonzentration (MEC) [10%- und 90%-Quantil] am Ablauf bayerischer KläranlagenJährliche Höchstmenge Umweltqualitätsnorm (UQN), (µg/l)Sicherheitsmarge (MOS) = EQS / MEC
 (2015-2023)
Sicherheitsmarge (MOS) = EQS / MEC (2023)
 zwischen 2015 - 2023 (µg/l) im Jahr 2023 (µg/l)
Amisulprid71675-85-90.58 [0.20;1.00]0.69 [0.19;1.00]5.49.37.8
Carbamazepin298-46-40.55 [0.35; 0.97]0.35 [0.27;0.41]0.50.911.4
Citalopram59729-33-80.20 [0.14; 0.44]0.20 [0.14;0.21]6.432.032.8
Clarithromycin81103-11-90.15 [0.07; 0.41]0.09 [0.05;0.26]0.130.871.4
Diclofenac15307-86-51.80 [1.01; 3.09]1.50 [1.37;2.00]0.040.020.03
Hydrochlorothiazid58-93-51.75 [0.88; 3.09]1.15 [0.61;1.52]1000571870
Metoprolol37350-58-61.3 [0.80; 2.20]1.06 [0.73;1.59]6247.758.5
Venlafaxin93413-69-50.41 [0.24; 0.57]0.50 [0.37;0.60]0.441.10.88
Benzotriazol95-14-76.5 [3.58; 10.00]3.80 [1.76;7.17]192.95.0
Candesartan139481-59-71.0 [0.55; 2.50]2.45 [1.84;2.83]100100.040.8
Irbesartan138402-11-60.8 [0.39; 1.30]0.44 [0.30;0.56]0.420.530.95

3.1 Amisulprid

Amisulprid ist ein atypisches Antipsychotikum, das in erster Linie durch Blockierung der Dopamin-D2- und -D3-Rezeptoren im limbischen System wirkt. Im Vergleich zu herkömmlichen antipsychotischen Medikamenten hat Amisulprid ein geringeres Risiko extrapyramidaler Nebenwirkungen und ist im Allgemeinen besser verträglich. Im Jahr 2020 wurde über einen starken Anstieg seiner Verwendung berichtet (UBA, 2020). Heutzutage wird es hauptsächlich zur Behandlung von Schizophrenie und schizoaffektiven Störungen eingesetzt (Mortimer, 2004), während es in niedrigen Dosen auch zur Behandlung von Depressionen eingesetzt werden kann (Amore et al., 2001; Cassano et al., 2002). Neueren Studien zufolge kann Amisulprid auch zur Behandlung des chronischen Müdigkeitssyndroms eingesetzt werden (Pardini et al., 2011).

In der Umwelt wurde Amisulprid als persistenter Schadstoff identifiziert, der in aquatische Systeme eingebracht werden kann und in der Lage ist, ins Grundwasser zu gelangen. In Experimenten zum biologischen Abbau mit Belebtschlamm wurde keine signifikante Entfernung der N-Oxid-Produkte von Amisulprid beobachtet (Bollmann et al., 2016). Bei der Standardabwasserbehandlung wurde die Bildung eines für Amisulprid charakteristischen, biologisch nicht abbaubaren N-Oxid-Produkts nachgewiesen. Dieses Abbauprodukt macht eine weitergehenden Behandlung der entsprechenden Abwässer notwendig (Bollmann et al., 2016; Spyrou et al., 2022). Im Abwasser der Krankenhauskläranlage von Ioannina (Griechenland) wurde Amisulprid in Konzentrationen zwischen 102 ng/L und 929 ng/L nachgewiesen (Konstas et al., 2019). Im Meerwasser des Mittelmeers wurde Amisulprid in einem breiten Bereich im Bereich von < 0,2-5,5 ng/L mit einer hohen Nachweishäufigkeit (77,3%) nachgewiesen (Alygizakis et al., 2016). Gago-Ferrero et al. berichteten außerdem über den Nachweis von Amisulprid im Abwasser der Kläranlage von Athen mit einer Konzentration von 0,07 ng/L (Gago-Ferrero et al., 2020). Darüber hinaus wurde in der ersten Welle von COVID-19 Amisulprid in Abwasserproben der Kläranlagen von Mailand und Monza (Italien) mit 16,8 ng/L quantifiziert (Cappelli et al., 2022).

Verwendung des computergestützten Vorhersagemodells für Struktur-Aktivitäts-Beziehungen (SARs) ECOSAR des US-EPA wurde für die aquatische Toxizität von Amisulprid eine PNEC-Konzentration (Predicted No Effect Concentration) von 5,4 µg/l abgeleitet (Helwig et al., 2016; Wasser-Bennett et al., 2025). Im Gegensatz dazu hat das UBA in Zusammenarbeit mit dem LfU Augsburg eine EQS für Binnenoberflächengewässer von 140 µg/l für Amisulprid unter Berücksichtigung von ökotoxikologisch Langzeitstudien für zwei Arten aus zwei verschiedenen trophischen Ebenen. In Übereinstimmung mit der technischen Anleitung für die Ableitung eines EQS wurde für die Ableitung der UQN für Amisulprid ein Sicherheitsfaktor von 100 angewendet (UBA, 2020).

In Abbildung 1 sind die nachgewiesenen Konzentrationen von Amisulprid am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen zwischen 2015 und 2023 dargestellt. Zusätzlich sind der Median und die Varianz einer Referenzstudie dargestellt, bei der Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen zwischen 2016-2022 gemessern wurden (Wunderlin et al., 2024). Mit Ausnahme der in den Abwässern der Kläranlage Geiselbullach festgestellten Amisulprid-Konzentrationen sind die mittleren Konzentrationen von Amisulprid am Auslass der bayerischen Kläranlagen höher als die in der Schweizer Studie am Einlass der Kläranlagen festgestellten mittleren Konzentrationen. Die in der bayerischen Studie ermittelten mittleren Konzentrationen liegen deutlich unter der abgeleiteten Umweltqualitätsnorm für Amisulprid (140 µg/l). Betrachtet man daher nur die Amisulprid-Konzentrationen für sich allein und berücksichtigt nicht die Kombinationswirkung mit anderen Mikroverunreinigungen in Abwässern deuten die am Ausgang der bayerischen Kläranlagen festgestellten Amisulprid-Konzentrationen nicht auf ein signifikantes ökotoxikologisches Potenzial hin.

Abwässer Amisulprid-Konzentrationen

Abbildung 1: Nachgewiesene Konzentrationen von Amisulprid am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen im Zeitraum 2015 - 2023 und Vergleich mit einer Referenzstudie, in der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen im Zeitraum 2016-2022 überwacht wurden

3.2 Carbamazepin

Carbamazepin (CBZ) ist ein Medikament, das zur Behandlung von Epilepsie und Trigeminusneuralgie eingesetzt wird. CBZ ist schwer aus dem Abwasser zu entfernen. Mit den üblichen Abwasserbehandlungsverfahren wird es nur bis zu 10% eliminiert und ist außerdem resistent gegen biologische Abbauprozesse (Verlicchi et al., 2012). Einige Autoren berichten sogar von negativen Eliminationsraten für CBZ, was höchstwahrscheinlich der Fall ist, weil der CBZ-Metabolit in Kläranlagen wieder in Carbamazepin umgewandelt wird (He et al. (2019).; Wunderlin et al., 2024). Die unvollständige Eliminierung von CBZ in Kläranlagen wurde durch quantitative Analysen in behandelten Abwässern aus verschiedenen Kläranlagen bestätigt (Qiang et al., 2016). CBZ wird nicht an Bodenpartikel adsorbiert, und es gibt Berichte über sein Eindringen in das Grundwasser (Kovacevic et al., 2016).

Es wurde nachgewiesen, dass CBZ die Chloroplastenentwicklung in Algen beeinträchtigt und nach einer 42-tägigen Exposition gegenüber 200 µg/l oxidativen Stress in Regenbogenforellen auslöst (Li et al., 2010). Contardo-Jaraa et al. untersuchte die Wirkung von CBZ auf die Zebramuschel (Dreissena polymorpha) unter Laborbedingungen. Sie fanden heraus, dass die Exposition der Muschel gegenüber Konzentrationen, die denen im Abwasser ähneln, zu Veränderungen in der mRNA führen kann (Contardo-Jara et al., 2011). Im Jahr 2016 fassten Moermond et al. die verfügbaren Daten zur akuten und chronischen Ökotoxizität zusammen, um einen EQS gemäß dem entsprechenden europäischen Leitfaden für die Ableitung von EQSs gemäß der Wasserrahmenrichtlinie (Moermond & Smit, 2016). Der aggregierte Datensatz für akute Wirkungen von CBZ enthielt acht taxonomische Gruppen (Bakterien, Cyanobakterien, Algen, Makrophyta, Rotifera, Cnidaria, Crustacea, Pisces), während der Datensatz für chronische Wirkungen sechs taxonomische Gruppen enthielt (Bakterien, Cyanobakterien, Algen, Rotifera, Crustacea, Pisces). Der niedrigste Toxizitätswert war die NOEC-Konzentration (no-observed effect concentration) von 0,025 mg/L, die für die Reproduktion des Wasserflohs (Ceriodaphnia dubia) in einer 7-Tage-Studie angegeben wurde. Der niedrigste Wert für die akute Toxizität war eine mittlere Wirkkonzentration (EC50) von 15,5 mg/L für den Süßwasserpolypen Hydra attenuata, während sich die Meeresalge Dunaliella tertiolecta mit einer EC50 von 296 mg/L als am wenigsten empfindlich erwies. Da für die Art, die sich im akuten Datensatz als am empfindlichsten erwiesen hat (Cnidaria), keine chronischen Daten verfügbar waren, wurde ein Bewertungsfaktor von 50 angewandt, woraus sich ein Jahresdurchschnitt EQS von 0,50 µg/l für CBZ. Die von Moermond et al. abgeleitete Umweltqualitätsnorm für CBZ wurde vom niederländischen Ministerium für Infrastruktur und Umwelt offiziell umgesetzt, und die Schweiz und Deutschland haben ebenfalls einen Jahresdurchschnitt für CBZ abgeleitet. EQS von 0,50 µg/l unter Anwendung der gleichen Methode.

In Abbildung 2 sind die nachgewiesenen Konzentrationen von Carbamazepin am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen zwischen 2015 und 2023 dargestellt. Zusätzlich sind der Median und die Varianz einer Referenzstudie dargestellt, bei der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen zwischen 2016 und 2022 überwacht wurden (Wunderlin et al., 2024). Bis 2023 sind alle mittleren Carbamazepin-Konzentrationen, die in den Abwässern der bayerischen Kläranlagen festgestellt wurden, höher als die mittlere Konzentration, die in der Schweizer Studie am Einlass der Kläranlagen gefunden wurde. Alle medianen Konzentrationen des Jahres 2023 liegen unter den abgeleiteten EQS für Carbamazepin (0,50 µg/l). Ohne Berücksichtigung von Kombinationswirkungen mit anderen Mikroverunreinigungen in den Abwässern stellen die im Jahr 2023 festgestellten mittleren Carbamazepin-Konzentrationen kein signifikantes Risiko dar. ökotoxikologisch Auswirkungen. Allerdings liegt der Median der Konzentration über alle Jahre hinweg bei 0,55 µg/l und damit leicht über dem abgeleiteten EQS für Carbamazepin (0,50 µg/l). Carbamazepin könnte daher einen ökotoxikologisch in den kommenden Jahren wieder auswirken.

Carbamazepin-Konzentrationen in Kläranlagenabwässern

Abbildung 2: Nachgewiesene Konzentrationen von Carbamazepin am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen im Zeitraum 2015 - 2023 und Vergleich mit einer Referenzstudie, in der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen im Zeitraum 2016-2022 überwacht wurden

3.3 Citalopram

Im Jahr 2010 stufte das Landesumweltamt Nordrhein-Westfalen Citalopram als Stoff mit relevantem ökotoxikologischem Potenzial ein und leitete eine Umweltqualitätsnorm (EQS) von 6,4 µg/L für sein Vorkommen in Oberflächengewässern (LANUV NRW, 2019). Als Grundlage für die Ableitung der UQN-Testergebnisse (NOEC: 0,32 mg/L) aus dem chronischen Daphnien-Reproduktionstoxizitätstest (OECD Test Nr. 211) wurde verwendet. Unter Berücksichtigung eines Sicherheitsfaktors von 50 ergab sich ein EQS von 6,4 µg/L (0,32 mg/L: 50 = 0,0064 mg/L) für Citalopram. Allerdings wurden Informationen, die über ökotoxikologische Standardtests hinausgehen, wie z. B. Verhaltensstudien an Fischen, bei der Ableitung der Grenzwerte nicht berücksichtigt. EQS. Außerdem wird bei der Ableitung der EQS Langzeitstudien an Fischen waren nicht verfügbar.

Citalopram gehört zur Substanzgruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), die speziell für die Beeinflussung des Serotoninsystems im menschlichen Gehirn entwickelt wurden, um den Serotoninspiegel im Gehirn zu erhöhen und dadurch eine antidepressive und angstlösende Wirkung zu erzielen.

In der aquatischen Umwelt verfügen neben Mollusken (z. B. Schnecken) auch Wasserflöhe und Fische über ein eigenes Serotonin-System (Fong & Ford, 2014; Kreke & Dietrich, 2008). Sie regulieren verschiedene Funktionen in diesen Wasserorganismen und können potenziell durch SSRI beeinflusst werden (Gould et al., 2007; Kreke & Dietrich, 2008). Höchstwahrscheinlich können Auswirkungen auf das Serotoninsystem von Wasserorganismen nur unzureichend mit den klassischen Endpunkten (z.B. Mortalität, Reproduktion) von Standardmethoden nachgewiesen werden. ökotoxikologisch Tests. Bei Fischen wurden beispielsweise verschiedene Verhaltensänderungen bei Citalopram-Konzentrationen von einigen µg/L beobachtet, darunter eine verringerte Nahrungsaufnahme und ein verändertes Schwimm- und Schreckverhalten (Kellner et al., 2016; Olsén et al., 2014). In einer anderen Studie wurde bei Dreistachligen Stichlingen (Gasterosteus aculeatus) eine Verringerung der Nahrungsaufnahme um bis zu 40% bei einer Citalopram-Konzentration von nur 0,15 µg/l beobachtet (Kellner et al., 2015).

Die in diesem Versuch beobachtete Verhaltensänderung war jedoch nur vorübergehend und führte nicht zu langfristigen Effekten wie einer geringeren Gewichtszunahme. Die ökologische Relevanz der beobachteten Effekte ist daher unklar, aber Studien über längere Zeiträume (z. B. Lebenszyklustests) könnten helfen, die Effekte genauer zu bestimmen. Darüber hinaus sind Studien zu Verhaltensänderungen noch nicht standardisiert und sehr komplex in der Interpretation der Ergebnisse. Infolgedessen liefern sie oft unvergleichbare oder sogar widersprüchliche Ergebnisse. So wurde beispielsweise bei Regenbogenforellen (Oncorhynchus mykiss) ein signifikanter Einfluss von Citalopram auf aggressives Verhalten nachgewiesen (Lepage et al., 2005). In einer anderen Studie mit Guppys (Poecilia reticulata) wurden jedoch selbst bei relativ hohen Konzentrationen von Citalopram (100 µg/l) keine Auswirkungen auf das Sexual- und Aggressionsverhalten der Versuchstiere festgestellt (Holmberg et al., 2011). Interessanterweise führte in der von Lepage et al. durchgeführten Studie ein mit L-Tryptophan (Trp) angereichertes Futter zu einer Unterdrückung von aggressivem Verhalten zusammen mit einem Rückgang des Plasmacortisolspiegels und einem Anstieg der Melatoninkonzentration im Plasma bei Fischen, die Erfahrung in dominatem Verhalten hatten. Die Auswirkungen eines erhöhten Trp-Gehalts in der Nahrung konnten durch eine Behandlung mit Citalopram nachgeahmt werden, während exogenes Melatonin weder auf aggressives Verhalten noch auf Plasmacortisol eine Wirkung hatte (Lepage et al., 2005).

Eine an Bachforellen durchgeführte Studie, in der die Ergebnisse zu Histopathologie, Neurotoxizität, Proteotoxizität und oxidativem Stress mit bereits veröffentlichten Daten kombiniert wurden, zeigte außerdem, dass die Wirkungen und Nebenwirkungen von Citalopram und Venlafaxin bei Bachforellen denen ähneln, die auch beim Menschen auftreten (Ziegler, Eckstein, et al., 2020; Ziegler, Knoll, et al., 2020). In dieser Studie wurden Lowest-observed-effect concentrations (LOECs) von 10 µg/L für Venlafaxin und von 100 µg/L für Citalopram berichtet. In einer neueren Studie, die an embryonalen und larvalen Zebrafischen (Danio rerio) durchgeführt wurde, wurde nach einer Exposition gegenüber Citalopram in Konzentrationen von 1 bzw. 10 μg/L ein verzögerter Schlupf und Herzschlag festgestellt (Mohanthi et al., 2024). Darüber hinaus wurde nach einer Exposition gegenüber Citalopram in einer Konzentration von 10 μg/L ein signifikanter Anstieg der Sterblichkeit beobachtet. Konzentrationen von 1 und 10 μg/L induzierten darüber hinaus oxidativen Stress, der zu Entwicklungsanomalien und einer Modulation des antioxidativen Systems in den untersuchten Zebrabärbling-Embryonen/Larven führte. Die in der Studie beobachteten Entwicklungsstörungen erwiesen sich als konzentrationsabhängig und zeigten bei einer Konzentration von 10 μg/L deutliche Missbildungen. Im Gegensatz dazu zeigte eine Studie, in der die Auswirkungen einer 13-wöchigen Exposition gegenüber verschiedenen Citalopram-Konzentrationen von 0,01 bis 100 μg/L in einem Süßwasser-Mesokosmos im Freien untersucht wurden, dass eine langfristige Exposition mit wöchentlichen Anwendungen der Substanz keine Auswirkungen auf ein aquatisches Ökosystem hat, das keine größeren Raubtiere enthält (Versteegen et al., 2025). Die Wasserqualitätsvariablen, die bakterielle Zusammensetzung, das Zooplankton und die Makroinvertebratengemeinschaften wurden nicht beeinträchtigt, und im Gegensatz zu den Erwartungen aus der Literatur wurde keine Ablösung von Schneckenfüßen beobachtet, während sich die getesteten Konzentrationen mit den berichteten Wirkkonzentrationen überschnitten.

In Abbildung 3 sind die nachgewiesenen Konzentrationen von Citalopram am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen im Zeitraum 2015-2023 dargestellt. Zusätzlich sind der Median und die Varianz einer Referenzstudie dargestellt, bei der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen zwischen 2016 und 2022 überwacht wurden (Wunderlin et al., 2024). Mit Ausnahme der Citalopram-Konzentrationen, die 2016 in den Abwässern der Kläranlage München 2 und 2023 in Geiselbullach nachgewiesen wurden, sind die mittleren Konzentrationen von Amisulprid am Ausgang der bayerischen Kläranlagen höher als die mittleren Konzentrationen am Eingang der Kläranlagen in der Schweiz.

Die am Ablauf bayerischer Kläranlagen festgestellten Konzentrationen von Citalopram liegen deutlich unter den EQS von 6,4 µg/L des Landesumweltamtes Nordrhein-Westfalen (LANUV NRW, 2019). Außerdem wird Citalopram bei der Freisetzung in Gewässern weiter verdünnt. Dies deutet darauf hin, dass die ökotoxisch Potenzial von Citalopram aus bayerischen Kläranlagen ist eher gering. Es sollte jedoch berücksichtigt werden, dass die EQS wurde bereits 2019 abgeleitet und berücksichtigte keine Langzeitexpositionsstudien an Fischen und andere oben erwähnte neuere Studien. Darüber hinaus ist bekannt, dass die Toxizität von micropollutant in der Mischung können additiv und/oder synergistisch sein. Ökotoxizität In Studien mit Citalopram in Kombination mit anderen SSRI wurden beispielsweise additive Wirkungen festgestellt, was bedeutet, dass die kombinierte Wirkung mehrerer SSRI größer sein kann als die Wirkung der einzelnen SSRI allein (Christensen et al., 2007; Neuwöhner et al., 2009). Studien haben gezeigt, dass Mischungen von SSRI negative Auswirkungen wie oxidative Schäden, die Hemmung der Photosynthese und die Zerstörung von Zellmembranen stärker verstärken können als die einzelnen Verbindungen allein. Während in einer Studie eine additive Wirkung auf das Wachstum von Mikroalgen festgestellt wurde, deuten andere Untersuchungen darauf hin, dass Mischungen eine schwerwiegendere, verstärkte Wirkung auf mehrere physiologische Prozesse haben können. Bei Umweltverträglichkeitsprüfungen sollte daher konservativ vorgegangen und berücksichtigt werden, dass toxische Wirkungen auf Wasserorganismen additiv zu anderen in einem Gewässer vorhandenen SSRI sein können (Henry & Schwarz, 2007). So zeigten beispielsweise Fluoxetin und Sertralin, beides SSRIs, eine additive Toxizität für das Wachstum von Mikroalgen (Xie et al., 2023). Darüber hinaus verschlimmerte die Mischung aus beiden die Schädigung des antioxidativen Systems und der Photosynthese, und das Vorhandensein beider SSRI beeinträchtigte die Mechanismen ihrer Beseitigung und den Stoffwechsel.

Citalopram-Konzentrationen am Ausgang verschiedener Kläranlagen in Bayern

Abbildung 3: Nachgewiesene Konzentrationen von Citalopram am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen im Zeitraum 2015 - 2023 und Vergleich mit einer Referenzstudie, in der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen im Zeitraum 2016-2022 überwacht wurden

3.4 Clarithromycin

Clarithromycin ist ein Makrolid-Antibiotikum, das zur Behandlung verschiedener bakterieller Infektionen eingesetzt wird. In Deutschland hat sich der Verbrauch von Clarithromycin zwischen 2002 und 2009 auf 15 Tonnen pro Jahr verdoppelt (UBA, 2011) und im Jahr 2012 wurden etwa 13,3 t verbraucht (UBA, 2013). Nach der Anwendung werden bis zu 40% des verbrauchten Clarithromycins unverändert als Ausgangsstoff und etwa 60% metabolisiert ausgeschieden. Sein Hauptmetabolit, 14-Hydroxy(R)-Clarithromycin, ist pharmakologisch aktiv, während N-Desmethyl-Clarithromycin sowie andere Metaboliten, die in geringeren Mengen auftreten, als inaktiv beschrieben werden (Kümmerer, 2009). Clarithromycin ist, ähnlich wie andere Antibiotika, biologisch schlecht abbaubar, wird in konventionellen Abwasserbehandlungsverfahren schlecht eliminiert und wurde weltweit in Abwässern von Kläranlagen in Konzentrationen von 12 bis 536 ng/l nachgewiesen (Baumann et al., 2015). Der Einsatz fortschrittlicher Abwasserbehandlungsverfahren, wie z. B. Kribbelfilter (Lin et al., 2009), Membranbioreaktoren (Sahar et al., 2011) und Ozonisierung (BAFU, 2009) können für Clarithromycin hohe Entfernungsleistungen erzielt werden. Nach der Freisetzung in die Gewässer findet keine signifikante photolytische Verringerung der Umweltkonzentrationen von Clarithromycin statt (Vione et al., 2009). Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass die Häufigkeit des Nachweises und die Konzentrationen von Makroliden und anderen Antibiotika in Sedimentproben höher sind als in Wasserproben, was die gemessenen abnehmenden Arzneimittelkonzentrationen an den Flussufern erklärt (Kim & Carlson, 2007).

Baumann et al. untersuchten die ökotoxikologisch Wirkungen von Clarithromycin und seinen beiden Metaboliten auf den Zebrabärbling Danio rerio (Embryotest), das Mikrokrustentier Daphnia magna, die aquatische einkeimblättrige Makrophyte Lemna minor, die Süßwasser-Grünalge Desmodesmus subspicatus (Chlorophyta) und das Cyanobakterium Anabaena flosaquae gemäß den technischen Leitlinien zur Ableitung eines EQS und leitete ein Süßwasser EQS von 0,130 µg/L basierend auf den Studienergebnissen (Baumann et al., 2015). Der Wissenschaftliche Ausschuss "Gesundheit, Umwelt und neu auftretende Risiken" (SCHEER) der EU-Kommission hat die Studie von Baumann et al. und weitere Literatur geprüft und unterstützt die EQS Wert, den Baumann et al. in ihrer Schlusserklärung abgeleitet haben (SCHEER, 2022).

In Abbildung 4 sind die nachgewiesenen Konzentrationen von Clarithromycin am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen im Zeitraum 2015 - 2023 dargestellt. Zusätzlich sind der Median und die Varianz einer Referenzstudie dargestellt, bei der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen zwischen 2016 und 2022 überwacht wurden (Wunderlin et al., 2024). Zwischen 2015 und 2023 lag die mittlere Konzentration am Ausgang der Kläranlage Ansbach stets über dem EQS von 0,130 µg/L, abgeleitet von Baumann et al. Bei den anderen Kläranlagen liegen die mittleren Konzentrationen teilweise über und teilweise unter diesem Wert. EQS. Dies deutet darauf hin, dass Clarithromycin, das aus bayerischen Kläranlagen freigesetzt wird, ein ökotoxisches Potenzial hat. Darüber hinaus ist bekannt, dass die Toxizität von Mikroverunreinigungen in der Mischung können additiv und/oder synergistisch sein.  

Clarithromycinkonzentrationen am Ablauf verschiedener Kläranlagen in Bayern

Abbildung 4: Nachgewiesene Konzentrationen von Clarithromycin am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen im Zeitraum 2015 - 2023 und Vergleich mit einer Referenzstudie, in der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen im Zeitraum 2016-2022 überwacht wurden

3.5 Diclofenac

Rückstände von Schmerzmitteln und entzündungshemmenden Medikamenten sind die am häufigsten nachgewiesenen Verbindungen in der Umwelt, da sie häufig konsumiert werden und frei verkäuflich sind. Besonders besorgniserregend ist Diclofenac (DCF, Natrium-2-[2-(2,6-dichloranilino)phenyl]acetat), ein nichtsteroidales Antirheumatikum (NSAID), das seit den 1970er Jahren in der Human- und Veterinärmedizin weit verbreitet ist. Zwischen 2010 und 2013 stieg der durchschnittliche weltweite Verbrauch von DCF wurde auf 1443 ± 58 Tonnen jährlich geschätzt (Acuña et al., 2015). Allein für Europa wurde der jährliche Gesamtverbrauch auf etwa 180 Tonnen geschätzt (Lonappan et al., 2016). Aufgrund des hohen Verbrauchs steigt die Wahrscheinlichkeit, dass DCF als Verunreinigung in der Umwelt gefunden wird. Und tatsächlich wird es, obwohl es nicht umweltpersistent ist, aufgrund seiner kontinuierlichen Freisetzung und unvollständigen Entfernung in Kläranlagen häufig in der Umwelt nachgewiesen. In aquatischen Systemen ist es ein häufig nachgewiesenes und überwachtes Arzneimittel, und sein Einsatz nimmt weltweit zu (Acuña et al., 2015). Neben anderen NSAIDs wie Naproxen und Ibuprofen gehört DCF zu den am häufigsten nachgewiesenen Schmerzmitteln in Oberflächengewässern, die in Konzentrationen von einigen wenigen bis zu Tausenden von ng/L nachgewiesen werden (Barbosa et al., 2016; Barra Caracciolo et al., 2015; Buser et al., 1998; Gerbersdorf et al., 2011; Patrolecco et al., 2013).

Im Zusammenhang mit der Ökotoxikologie DCF wurde erstmals nach einem plötzlichen Zusammenbruch von Geierpopulationen in Pakistan, die sich von DCF-haltigen Kadavern ernährten, allgemein wahrgenommen (Eichen et al., 2004). Nach diesem Vorfall, DCF hat weltweit große Aufmerksamkeit erregt, und verschiedene Studien haben seine Auswirkungen auf Wassertiere, Pflanzen und Säugetiere dokumentiert (Sathishkumar et al. 2020; Schmidt & Redshaw, 2015). Insbesondere für Süßwasserumgebungen hat dies mehrere Studien veranlasst, die darauf abzielen, das ökotoxikologische Potenzial dieses Stoffes bei umweltrelevanten Konzentrationen genauer zu charakterisieren. In einem Meta-Review haben Vieno & Sillanpää mehrere Studien zusammengetragen, die ökotoxikologische Effekte von DCF in umweltrelevanten Konzentrationen (Vieno & Sillanpää, 2014). Triebkorn et al. konnten bei Regenbogenforellen Veränderungen der Leber-Ultrastruktur, des Leberglykogens und des Nierenproteins bei DCF-Konzentrationen von nur 1 μg/l nach 28 Tagen Exposition nachweisen (Triebskorn et al., 2004). Bei der Zebramuschel konnten erhöhte Werte der Lipidperoxidation bei Konzentrationen von nur 1 μg/l nach einer Expositionszeit von 96 Stunden beobachtet werden (Quinn et al., 2011). Andererseits beobachteten Feito et al. eine Verringerung der Lipidperoxidation bei Zebrafischen nach 90 Minuten bei Konzentrationen von nur 0,03 μg/l (Feito et al., 2012). In einer fünfmonatigen Mesokosmos-Studie, bei der Süßwassermuscheln und freilebende Stichlinge in Käfigen exponiert wurden, untersuchten Joachim et al. Konzentrationen von 0,041, 0,44 bzw. 3,82 µg/L und stellten fest, dass die Konzentration ohne beobachtete Wirkung (NOEC) auf individueller Ebene bei <0,041 µg/L und auf Populations- und Gemeinschaftsebene bei 0,44 µg/L lag (Joachim et al., 2021). In einem neueren 28-Tage-Expositionsversuch an Regenbogenforellen wurden quantitative histomorphologische Veränderungen in der Rumpfniere bei DCF-Konzentrationen von nur 500 ng/L beobachtet (Birzle et al., 2023). Frühere Studien, die von anderen Gruppen durchgeführt wurden, gaben bereits erste Hinweise auf schädliche Auswirkungen von Diclofenac-Rückständen in Fischen. Schwaiger et al. fanden nach einer 28-tägigen Exposition gegenüber umweltrelevanten Diclofenac-Konzentrationen schädliche Wirkungen einschließlich pathogener Veränderungen in Kiemen und Nieren von Regenbogenforellen (Schwaiger et al., 2004). In einer Studie von Hoeger et al. wiederum, wurde gezeigt, dass Diclofenac die Nieren- und Kiemen-Integrität in Bachforellenpopulationen bei Konzentrationen beeinträchtigt, welche wiederholt in Oberflächengewässern nachgewiesen wurden (Hoeger et al., 2005). In einer anderen Studie an Bachforellen wurden Endpunkte wie Sterblichkeit und Verhalten bei Konzentrationen, die nur 10-100 Mal über den gemeldeten Abwasser- und Oberflächenwasserkonzentrationen lagen, erheblich beeinträchtigt (Schwarz et al., 2017).

Da die meisten Studien Auswirkungen von Diclofenac in künstlichen Laborumgebungen als Einzelsubstanz untersucht haben, kann ein weiteres ökotoxikologisches Risiko, das im Zusammenhang mit Diclofenac und seinen Metaboliten in der Umwelt auftritt, eine Wechselwirkungen mit bestehenden Schadstoffen und/oder anderen neu auftretenden Schadstoffen sein (Sathishkumar et al. 2020). Erhebliche Kombinationswirkungen können bei Stoffen auftreten, die ihre Effekte über dieselbe unspezifische oder spezifische Wirkungsweise entfalten. So wurde beispielsweise festgestellt, dass Diclofenac und Ibuprofen, in aquatischen Organismen aus verschiedenen taxonomischen Klassen, beide unspezifisch durch unpolare Narkose wirken und bei Anwendung in einem Gemisch in Bezug auf ökotoxikologische Auswirkungen, dem Konzept der Konzentrationsaddition folgen (M. Cleuvers, 2008; Michael Cleuvers, 2003, 2004).

Als Folge der Anerkennung von DCF als neu auftretender Umweltschadstoff und seine schädlichen Auswirkungen in der aquatischen Umwelt wurde es in die erste Beobachtungsliste der EU-Wasserrahmenrichtlinie aufgenommen (WFD) (Amt für Veröffentlichungen der EU, 2025). Die im Jahr 2000 verabschiedete Wasserrahmenrichtlinie stellt die Gewässerökologie in den Mittelpunkt von Bewirtschaftungsentscheidungen, mit dem Ziel, alle Oberflächengewässer in einen "guten" Zustand zu bringen (Richtlinie 2000/60/EG, 2000). Ein Zustand, der anhand einer Reihe von physikalischen, biologischen und chemischen Messgrößen bewertet wird. Eine der chemischen Messgrößen, die zur Erreichung dieses Ziels verwendet werden, ist die Einhaltung von Umweltqualitätsnormen (EQS) für Chemikalien abgeleitet, die potenziell europaweite Risiken darstellen. EQS stellen rechtlich verbindliche Höchstkonzentrationen in Oberflächengewässern dar und sind daher die Grundlage für Regulierungsmaßnahmen zur Verringerung der Chemikalienkonzentrationen in Oberflächengewässern. Sie werden aus den verfügbaren Toxizitätsdaten abgeleitet mit dem Ziel, verschiedene Rezeptorgruppen zu schützen, darunter Wasserorganismen, Menschen über das Trinkwasser oder über die Nahrung sowie höhere Raubtiere wie fischfressende Fische, Säugetiere und Vögel als Folge von Sekundärvergiftungen über die Nahrungskette. Der empfindlichste Wert für eine Rezeptorgruppe wird in der Regel als primärer Wert ausgewählt. EQS für diesen Stoff. Da jedoch nicht immer Daten zur Toxizität von Stoffen auf Wasserbasis verfügbar sind DCF Konzentrationen müssen die Konzentrationen in anderen Matrices, wie z.B. Nahrungsmittelnormen, auf Wasserbasis umgerechnet werden EQS unter Berücksichtigung eines geschätzten Faktors für die Bioakkumulation (Peters et al., 2022).

Im Jahr 2006 wurde die Grundwasserrichtlinie (GWD) als eine Tochterrichtlinie der WFD mit dem Ziel, das Grundwasser vor Verschmutzung und Verschlechterung zu schützen (Richtlinie - 2006/118). Sie legte Qualitätsstandards für Nitrate und Pestizide sowie einen Rahmen für die Festlegung von Schwellenwerten fest. Im Jahr 2008 wurde der europäische Rechtsrahmen für Wasser durch die Richtlinie über Umweltqualitätsnormen (Richtlinie - 2008/105). Diese wiederum wurde durch die Richtlinie 2013/39/EU aktualisiert (Richtlinie - 2013/39). Mit den beiden Richtlinien wurde eine Reihe von prioritären Stoffen und Stoffgruppen eingeführt, die von den Mitgliedstaaten überwacht werden müssen, um eine Priorisierung zu unterstützen und eine Bewertung der tatsächlichen Risiken im Zusammenhang mit ihrer Einleitung in die aquatische Umwelt zu ermöglichen. Im Oktober 2022 veröffentlichte die EU-Kommission ihren Vorschlag zur Änderung der drei zentralen Wasserwirtschaftsrichtlinien, um den rechtlichen Rahmen an den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte anzupassen (EG, 2022a, 2022b). Der Vorschlag enthielt eine Reihe von Änderungen und Ergänzungen, mit denen Unzulänglichkeiten behoben werden sollten, die beim letzten Eignungscheck des europäischen Wasserrechts festgestellt wurden (EG, 2019). Der Vorschlag enthielt u.a. eine neue und aktualisierte Prioritätenliste für Oberflächengewässer mit EQS Werte für 68 Stoffe und Stoffgruppen. In der Liste mit der Eintragsnummer 56 ist Diclofenac enthalten (siehe Tabelle 1), das ursprünglich mit einer Änderung aufgenommen wurde, die zusammen mit der Durchführungsentscheidung der Europäischen Kommission für die erste Überwachungsliste von Stoffen für die EU-weite Überwachung veröffentlicht wurde (EG 2015/495). Das häufige Auftreten von besorgniserregenden Schadstoffen in der Umwelt und die Unzulänglichkeit herkömmlicher Kläranlagen bei der Beseitigung solcher Verbindungen hat dazu geführt, dass der Rahmen der Beobachtungsliste ausgeweitet wurde, um eine größere Anzahl gefährlicher Verbindungen abzudecken.

Diclofenac wurde inzwischen in verschiedenen aquatischen Kompartimenten nachgewiesen. In einer 2015 von Barbosa durchgeführten Meta-Analyse wurden Konzentrationen von 14,9 - 4425 ng/L für Abwasser und von 1,17 - 380 ng/L für Grundwasser festgestellt, während für Oberflächengewässer weltweit Konzentrationen zwischen 0,8 - 1043 ng/L gefunden wurden (Barbosa et al., 2016). Im Gegensatz dazu wurden für europäische Fliessgewässer Werte zwischen 2 und 7700 ng/L gemeldet (Lonappan et al., 2016; Sathishkumar und al., 2020). Die Diclofenac-Konzentrationen in Abwässern von Kläranlagen in der Schweiz reichten von 300 bis >900 ng/L, während die Konzentration in Flüssen und Seen im Bereich von <1,0 ng/L-370 ng/L lag (Buser et al., 1998). Für deutsche Flüsse wurden in einer 1998 veröffentlichten Studie mittlere Diclofenac-Konzentrationen von 150 ng/L und Spitzenkonzentrationen von bis zu 1200 ng/L gemeldet (Ternes, 1998).

In Deutschland unterstützte die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) die Erstellung des nach der Wasserrahmenrichtlinie erforderlichen Überwachungsprogramms für Gewässer. WFD. Die BfG berichtet auch regelmäßig an die Europäische Kommission über die Gewässerstatistiken. In diesem Zusammenhang stellt sie die Analysedaten für organische Schadstoffe verschiedener Oberflächengewässer zusammen, darunter auch für den Rhein und seine Nebenflüsse (BfG, 2025). Im Jahr 2022 wird die maximale DCF Konzentration im Gewässersystem des Rheins wurde an der Messstation in Bad Honnef mit 170 ng/L gemessen, während die höchste an einem seiner Nebenflüsse gemessene Konzentration 2300 ng/L betrug und an der Emschermündung in Duisburg beobachtet wurde. Die höchste Jahresmittelkonzentration am Rhein im Jahr 2022 wurde an der Messstation in Karlsruhe mit 16,8 ng/L ermittelt. Im Gegensatz dazu wurde die höchste Jahresmittelkonzentration, die an einem der Nebenflüsse gemessen wurde, für die Emschermündung in Duisburg geschätzt (1290 ng/L) und deckt sich daher mit der höchsten Konzentration in den Nebenflüssen, die an derselben Messstation beobachtet wurde.

Im Laufe eines Jahres, DCF Konzentrationen im aquatischen System des Rheins zeigen ein klares saisonales Muster, wobei die beobachteten Konzentrationen in der Regel in den Frühlings- und Sommermonaten niedriger sind. Die niedrigeren Konzentrationen in diesen Monaten könnten auf einen geringeren Eintrag von DCF während dieser Monate. Andererseits führt eine Zunahme der biotischen und abiotischen Prozesse zu einer Verschlechterung der DCF. In der Tat, DCF ist in der aquatischen Umwelt nicht über lange Zeit stabil. Nach der Freisetzung in die Umwelt ist der Hauptabbaupfad von DCF in Wasser ist die Photodegradation mit Halbwertszeiten von 1 bis 3 Stunden (Bartels & Tümpling, 2007; Packer et al., 2003; Tixier et al., 2003). DCF und die daraus resultierenden Photodegradationsprodukte können dann an Sedimenten adsorbiert und/oder von Pflanzen, Wirbellosen und Fischen verstoffwechselt werden (Bartha et al., 2014; Brozinski et al., 2013; Cuklev et al., 2011; Huber et al., 2012; Kunkel & Radke, 2008; Matamoros et al., 2012; Parolini et al., 2009).

Der Vergleich der DCF Konzentrationen im Rhein und seinen Nebenflüssen im Jahr 2022 zum EQS Die in der Prioritätenliste der WRRL vorgeschlagenen Werte zeigen, dass die Einleitung von Diclofenac in den Rhein selbst kein signifikantes Umweltrisiko darstellt. In seinen Nebenflüssen, insbesondere an der Emschermündung in Duisburg, liegt die durchschnittliche Jahreskonzentration mit 1290 ng/L jedoch deutlich über der durchschnittlichen Jahreskonzentration EQS für Binnenoberflächengewässer empfohlen (AA-EQS; 40 ng/L). Das Gleiche gilt für andere Nebenflüsse des Rheins. Für andere Nebenflüsse des Rheins wurden jährliche Durchschnittskonzentrationen von 77 ng/L (Neckar in Mannheim), 830 ng/L (Trebur-Astheim), 61 ng/L (Main, Kahl), 108 ng/L (Main, Bischofsheim) bzw. 97 ng/L (Saar, Saarbrücken) geschätzt (BfG, 2025). Angesichts dieser hohen jährlichen Durchschnittskonzentrationen sind ökotoxikologische Auswirkungen und eine Veränderung des aquatischen Ökosystems in diesen Nebenflüssen des Rheins aufgrund der langfristigen Exposition gegenüber DCF sind sehr wahrscheinlich.

In Abbildung 5 wurden die Konzentrationen von Diclofenac am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen zwischen 2015 und 2023 dargestellt. Darüber hinaus werden der Median und die Varianz einer Referenzstudie gezeigt, bei der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen zwischen 2016 und 2022 überwacht wurden (Wunderlin et al., 2024). Der Median und die Varianz der am Ausgang der bayerischen Kläranlagen über alle Jahre hinweg beobachteten Konzentration sind ähnlich wie der Median und die Varianz in der in der Schweiz durchgeführten Studie (Wunderlin et al., 2024).

Zwischen 2015 und 2023 lag die mittlere Konzentration am Ausgang aller überwachten Kläranlagen stets über der Umweltqualitätsnorm von 0,04 µg/L. Dies zeigt, dass Diclofenac das aus bayerischen Kläranlagen freigesetzt wird, hat ein hohes ökotoxisches Potenzial. Außerdem ist bekannt, dass die Toxizität von Mikroverunreinigungen in einer Mischung können additiv und/oder synergistisch sein (M. Cleuvers, 2008; Michael Cleuvers, 2003, 2004; Galus et al., 2013). Die Durchführung von vierten Behandlungsstufen zur Beseitigung DCF und andere Mikroverunreinigungen ist daher für Kläranlagen in Bayern angezeigt, um das ökotoxische Potenzial von Kläranlagenabwässern zu verringern und unmittelbare und langfristige ökotoxikologische Auswirkungen in den aufnehmenden Gewässern zu verhindern.

Diclofenac-Konzentrationen in Abwässern verschiedener Kläranlagen in Bayern

Abbildung 5: Nachgewiesene Konzentrationen von Diclofenac am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen im Zeitraum 2015 - 2023 und Vergleich mit einer Referenzstudie, in der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen im Zeitraum 2016-2022 überwacht wurden

3.6 Hydrochlorothiazid

Hydrochlorothiazid (HCTZ) ist ein Diuretikum und Antihypertensivum, das häufig zur Behandlung von Ödemen und Bluthochdruck verschrieben wird (Ranjan et al., 2017). HCTZ wird häufig in den Zu- und Abflüssen von Kläranlagen nachgewiesen (Biel-Maeso et al. (2018)) und hat das Potenzial, sich in verschiedenen Arten in der aquatischen Umwelt zu bioakkumulieren (Moreno-González et al., 2016). HCTZ erwies sich bei der Bewertung der Aktivität von E. coli in einem Resazurin-Reduktionstest als nicht toxisch (Mansor & Tay, 2020). Im Einklang damit stellten Jacob et al. fest, dass HCTZ für Aliivibrio fischeri nicht toxisch ist (Jacob et al., 2016). Die von Mansor et al. durchgeführte Studie ergab jedoch, dass HCTZ nach einer Behandlung mit Chlorierung und/oder UV-Bestrahlung je nach Dauer der Behandlung toxische Wirkungen auf E.coli hat. Dies deutet darauf hin, dass die an der Chlorierung und UV/Chlorierung beteiligten Reaktionen die Toxizität von HCTZ-Lösungen erhöhen können. Obwohl die UV/Chlorierung eine wirksame Methode zur Beseitigung von HCTZ sein kann, besteht also das Potenzial, Reaktionsprodukte zu erzeugen, die schädlicher sind als die Ausgangsverbindung (Mansor & Tay, 2020). In einer mit A. salina durchgeführten Studie zur akuten Toxizität wurden LC50-Schätzwerte für HCTZ nach einer 48-stündigen Exposition von 918 und 957 mg/L bei Raumtemperatur bzw. 28 ◦C ermittelt (Diaz-Sosa et al., 2020). In der gleichen Studie wurden auch die Auswirkungen von neu auftretende Schadstoffe auf die Acetylcholinesterase (AChE)-Aktivität von A. salina wurde untersucht, und es wurde festgestellt, dass HCTZ erst nach 48 Stunden Exposition einen negativen Einfluss auf die Enzymaktivität hat.

In einem Industriebericht des Pharmaherstellers AstraZeneca wurden akute und chronische Ökotoxizitätsdaten von Organismen aus drei trophischen Ebenen zusammengefasst (AstraZeneca, 2023a). Auf der Grundlage dieser Daten wurde ein PNEC-Wert von 1000 µg/L abgeleitet. Die von AstraZeneca abgeleitete PNEC ist deutlich höher als die in bayerischen Kläranlagen festgestellten Konzentrationen und wird als Jahresmittelwert verwendet EQS für HCTZ in der vorliegenden Bewertung.

In Abbildung 6 sind die nachgewiesenen Konzentrationen von Hydrochlorothiazid am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen zwischen 2015 und 2023 dargestellt. Zusätzlich sind der Median und die Varianz einer Referenzstudie dargestellt, bei der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen zwischen 2016 und 2022 überwacht wurden (Wunderlin et al., 2024). Mit wenigen Ausnahmen sind die in den bayerischen Kläranlagen festgestellten Hydrochlorothiazid-Konzentrationen höher als die in der schweizerischen Studie ermittelten mittleren Konzentrationen am Einlauf der Kläranlagen. Die in der bayerischen Studie ermittelten mittleren Konzentrationen liegen deutlich unter den abgeleiteten EQS für Hydrochlorothiazid (1000 µg/l). Betrachtet man also nur die Hydrochlorothiazid-Konzentrationen für sich allein und lässt die Kombinationswirkungen mit anderen Mikroverunreinigungen im Abwasser außer Acht, so weisen die Hydrochlorothiazid-Konzentrationen am Ausgang der bayerischen Kläranlagen nicht auf ein signifikantes ökotoxikologisches Potenzial hin.

Hydrochlorothiazid am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen

Abbildung 6: Nachgewiesene Konzentrationen von Hydrochlorothiazid am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen im Zeitraum 2015 - 2023 und Vergleich mit einer Referenzstudie, bei der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen im Zeitraum 2016 - 2022 überwacht wurden

3,7 Metoprolol

Betablocker (β-Blocker) sind eine Klasse von Arzneimitteln zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und hohem Blutdruck. Metoprolol gehört zu dieser Medikamentenklasse und ist ein β-Blocker der zweiten Generation. Im Gegensatz zu den β-Blockern der ersten Generation, die nicht selektiv sind und sowohl β1- als auch β2-adrenerge Rezeptoren gleichermaßen blockieren, gelten die β-Blocker der zweiten Generation aufgrund ihrer höheren Affinität für β1-adrenerge Rezeptoren als selektiv. Was die Toxizität betrifft, so gehören zu den unerwünschten klinischen Wirkungen, die mit der Anwendung von Metoprolol in Verbindung gebracht werden, Herzversagen, Bradykardie, Hypotonie, Schwindel und Hypoglykämie. Nach der Metabolisierung erfolgt die Ausscheidung hauptsächlich über den Urin, und es wurde festgestellt, dass Metoprolol hauptsächlich in zwei Hauptmetaboliten metabolisiert wird: Alpha-Hydroxymetoprolol und O-Demethylmetoprolol (Morris J. et al., 2024).

Metoprolol wird regelmäßig in Oberflächengewässern und Abwässern von Kläranlagen nachgewiesen und lagert sich Berichten zufolge in Fischgewebe wie Herz, Leber, Niere und Haut ab (Grabicova et al. (2018); Manjarrés-López et al., 2023). Die Bioakkumulation von Metoprolol wurde auch für wirbellose Wassertiere dokumentiert, wobei die Konzentrationen in den meisten Fällen über denen von Fischen lagen. Bei Krustentieren wurden bis zu 3,8 ng/g Trockengewicht Metoprolol nachgewiesen (Ruan et al., 2020).

Die Auswirkungen von Metoprolol wurden bei vielen verschiedenen Wasserlebewesen untersucht, darunter Fische, Frösche, Arthropoden, Muscheln, Würmer, Schnecken, Bakterien, Protozoen und Algen (Liebe et al., 2024). Die 50%-Effektkonzentration (EC50) für Metoprolol in Daphnia magna für den Effektparameter Motilität betrug 438 mg/L (Michael Cleuvers, 2005). In einer von Moermond et al. durchgeführten Literaturübersicht, in der Ökotoxizitätsdaten für Metoprolol für Süßwasser- und Meeresspezies zusammengefasst wurden, werden EC50-Werte von bis zu 7,6 mg/L (Desmodesmus subspicatus, Algen) für akute Wirkungen und NOEC/EC10-Werte von bis zu 3,1 mg/L für chronische Wirkungen (Daphnia magna, Krebse) angegeben (Moermond & Smit, 2016). Die Daten zur akuten Toxizität erstreckten sich auf 5 taxonomische Gruppen, einschließlich des akuten Basissatzes (Algen, Daphnien, Fische), während chronische Daten für einen Einzeller (Tetrahymena pyriformis), Algen, Krebstiere und einen Fisch (Danio rerio) berücksichtigt wurden. Die trophische Ebene, die sich im akuten Datensatz als am empfindlichsten erwies (Primärproduzenten), wurde auch in den chronischen Datensatz aufgenommen und erwies sich auch dort als am empfindlichsten. Der niedrigste gebundene NOEC-Wert von 3,1 mg/L wurde für die Reproduktion von Daphnia magna in einem 9-Tage-Test ermittelt. Auf der Grundlage dieser Daten und unter Anwendung eines Bewertungsfaktors von 50 leiteten Moermond et al. einen EQS von 0,062 mg/L für Metoprolol (Moermond & Smit, 2016).

Studien an Fischen zeigen, dass die Expression von adrenergen Rezeptoren empfindlich auf die Metoprolol-Exposition reagiert, was darauf hindeutet, dass es kompensatorische Anpassungen für das sympathische Nervensystem gibt. Zum Beispiel zeigten männliche und weibliche Zebrafische (Danio rerio), die 0,03, 0,3 und 3 mg/L Metoprolol ausgesetzt waren, Veränderungen in der Expression von β-adrenergen Rezeptoren sowie von Genen, die mit oxidativem Stress zusammenhängen (Sun et al., 2015). Andere Studien berichten über Anzeichen von oxidativem Stress sowie über eine Beeinträchtigung des Herz-Kreislauf-Systems. Medkova et al. beobachteten einen Rückgang der GST und der Lipidperoxidation bei Karpfen (Cyprinus carpio), die 1 bis 1000 bzw. 100 bis 1000 µg/L Metoprolol ausgesetzt waren, nach 31 Tagen (Medkova et al., 2023). Gene, die mit der ordnungsgemäßen kardiovaskulären Entwicklung und Funktion in Verbindung gebracht werden, waren bei Zebrafischen und Karpfen nach 4-tägiger Exposition gegenüber 0,1 bis 100.000 µg/L Metoprolol verringert. Darüber hinaus wurde bei allen getesteten Konzentrationen eine Erhöhung der Herzfrequenz bei beiden Arten beobachtet. Auch bei Nil-Tilapia (Oreochromis niloticus) wurde über Immunstörungen berichtet, und Studien berichten über die Vermehrung von Schleim-/Chloridzellen und die Infiltration von Geweben durch Leukozyten nach Metoprolol-Exposition (Gröner et al., 2017). Auch die Energiespeicher können negativ beeinflusst werden, da Regenbogenforellen (Oncorhynchus mykiss), die über 28 Tage Metoprolol-Konzentrationen zwischen 1 und 100 μg/L ausgesetzt waren, eine Verringerung der Glykogenspeicher zeigten (Triebskorn et al., 2007).

Eine kürzlich durchgeführte Studie, in der die Auswirkungen einer kurzzeitigen Exposition (eine Woche) von Metoprolol- und Propranolol-Mischungen untersucht wurden, ergab außerdem, dass die Exposition gegenüber umweltrelevanten Konzentrationen von β-Blockern die Kiemen und Verdauungsdrüsen von amerikanischen Austern erheblich beeinträchtigt (Crassostrea virginica). Niedrige (250 ng/L Metoprolol, 50 ng/L Propranolol) und hohe Dosen (650 ng/L Metoprolol, 250 ng/L Propranolol) des Gemischs führten zu bemerkenswerten Veränderungen der Gewebestrukturen und der Körperflüssigkeitsverhältnisse (Salinas & Rahman, 2025).

In Abbildung 7 sind die nachgewiesenen Konzentrationen von Metoprolol am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen zwischen 2015 und 2023 dargestellt. Zusätzlich sind der Median und die Varianz einer Referenzstudie dargestellt, bei der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen zwischen 2016 und 2022 überwacht wurden (Wunderlin et al., 2024). Die in den Abwässern der bayerischen Kläranlagen festgestellten Metoprolol-Konzentrationen sind stets höher als die mittlere Konzentration, die am Eingang der Kläranlagen in der Schweiz festgestellt wurde. Die in der bayerischen Studie ermittelten mittleren Konzentrationen liegen deutlich unter den abgeleiteten EQS für Metoprolol (62 µg/l). Betrachtet man also nur die Metoprolol-Konzentrationen für sich allein und lässt die Kombinationswirkung mit anderen Mikroverunreinigungen außer Acht, so stellen die am Ablauf der bayerischen Kläranlagen gefundenen Metoprolol-Konzentrationen kein signifikantes ökotoxikologisches Potenzial dar. Es ist jedoch bekannt, dass die Toxizität von Mikroverunreinigungen in Gemischen additiv und/oder synergistisch sein kann (M. Cleuvers, 2008; Michael Cleuvers, 2003, 2004; Galus et al., 2013) und insbesondere Metoprolol hat auch das Potenzial, sich in Biota zu akkumulieren. Für die bayerischen Kläranlagen ist daher die Einführung einer vierten Behandlungsstufe zur Eliminierung von Metoprolol und anderen Mikroverunreinigungen angezeigt, um das ökotoxische Potenzial von Kläranlagenabwasser zu verringern und unmittelbare und langfristige ökotoxikologische Auswirkungen von Mikroverunreinigungen in den aufnehmenden Gewässern zu verhindern.

Abbildung 7: Nachgewiesene Konzentrationen von Metoprolol am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen im Zeitraum 2015 - 2023 und Vergleich mit einer Referenzstudie, bei der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen im Zeitraum 2016 - 2022 überwacht wurden

3.8 Venlafaxin

In Deutschland sind die Verschreibungsraten von Antidepressiva zwischen 2009 und 2018 um 40% gestiegen (Schwabe et al. (2019).). Die beiden am häufigsten verschriebenen Antidepressiva sind der selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) Citalopram und der Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SNRI) Venlafaxin (VEN), auf die etwa 30% des Marktanteils entfallen (Schwabe et al. (2019).). Beide Antidepressiva werden häufig in Gewässern gefunden und haben das Potenzial, sich negativ auf Wasserorganismen auszuwirken. Venlafaxin (VEN) wurde in Oberflächengewässern und Trinkwasser in Konzentrationen im µg/L- und ng/L-Bereich nachgewiesen (Valcárcel et al., 2011). Die Verschreibungen von Venlafaxin stiegen von 61,6 Millionen Tagesdosen im Jahr 2007 auf 147 Millionen im Jahr 2012, was 14,7 Tonnen pro Jahr für 2012 entspricht (Schlüsener et al., 2015). Im Jahr 2023 wurden in Deutschland 222,9 Millionen Tagesdosen Venlafaxin verschrieben (Häussler & Höer, 2023). Venlafaxin (VEN) wird in der Leber zu dem aktiven Metaboliten O-Desmethylvenlafaxin (ODV) verstoffwechselt und der Großteil der verabreichten Dosis Venlafaxin wird innerhalb von 48 Stunden als ODV ausgeschieden. Nur 1 - 10% der verabreichten Dosis wird unmetabolisiert mit dem Urin ausgeschieden (Souza et al., 2022).

Für Venlafaxin wurden verschiedene Studien zu verhaltensbezogenen und apikalen Endpunkten bei mehreren Fischarten durchgeführt. Zu den Verhaltensänderungen bei Fischen nach Exposition gegenüber umweltrelevanten Venlafaxin-Konzentrationen gehören Veränderungen des zirkadianen Rhythmus (Melvin, 2017), vermindertes Fluchtverhalten (Maler et al., 2009) und Veränderungen im Schwimmverhalten (Maulvault et al. (2018)).

Eine Studie, in der die biochemischen und histolopathologischen Auswirkungen umweltrelevanter Venlafaxin-Konzentrationen von 1 µg/L bis zu 1 mg/L in Eiern von Bachforellen im Eiernova-Stadium sowie bei juvenilen Bachforellen untersucht wurden, ergab, dass der biochemische Biomarker für oxidativen Stress (Superoxiddismutase-Aktivität) bei Larven, die mindestens 10 µg/L Venlafaxin ausgesetzt waren, signifikant erhöht war (Ziegler, Eckstein, et al., 2020).

In einem vom deutschen Umweltbundesamt (UBA) zusammengestellten Kurzdossier wird ein Jahresdurchschnitt EQS von 0,088 µg/L abgeleitet (UBA, 2025). Die EQS wurde auf der Grundlage der No-observed effect concentration (NOEC) einer Fischstudie abgeleitet (Parrott & Metcalfe, 2017) unter Berücksichtigung eines Bewertungsfaktors (AF) von 100. Der AF von 100 wurde aufgrund der großen Menge an Daten über Wirkungen im pg- bis µg-Bereich und aufgrund der Tatsache, dass Antidepressiva häufig subletale Wirkungen, wie z. B. Verhaltensänderungen, aufweisen, die in dem von Parrott et al. durchgeführten Fischtest nicht berücksichtigt wurden, angewendet (Parrott & Metcalfe, 2017). Unter der Annahme, dass VEN und ODV die gleiche Wirkungsweise und ähnliche Konzentrationen in den Gewässern haben, schlägt das deutsche Umweltbundesamt (UBA) einen noch niedrigeren Jahresdurchschnitt vor EQS von 0,044 µg/L (UBA, 2025).

In Abbildung 8 sind die nachgewiesenen Konzentrationen von Venlafaxin am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen zwischen 2015 und 2023 dargestellt. Zusätzlich sind der Median und die Varianz einer Referenzstudie dargestellt, bei der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen zwischen 2016 und 2022 überwacht wurden (Wunderlin et al., 2024). Die in den Abwässern der bayerischen Kläranlagen festgestellten Venlafaxin-Konzentrationen sind stets höher als die mittlere Konzentration, die am Eingang der Kläranlagen in der Schweiz festgestellt wurde. Die in der bayerischen Studie ermittelten mittleren Konzentrationen liegen regelmäßig über den abgeleiteten EQS für Venlafaxin (0,044 µg/l). Dies deutet darauf hin, dass Venlafaxin, das aus bayerischen Kläranlagen freigesetzt wird, ein erhebliches ökotoxisches Potenzial hat. Außerdem ist bekannt, dass die Toxizität von Mikroverunreinigungen in Gemischen additiv und/oder synergistisch sein kann (M. Cleuvers, 2008; Michael Cleuvers, 2003, 2004; Galus et al., 2013). Die Durchführung einer vierten Behandlungsstufe zur Eliminierung von Venlafaxin und anderen Mikroverunreinigungen ist daher für Kläranlagen in Bayern angezeigt, um das ökotoxische Potenzial ihrer Abwässer zu verringern und unmittelbare und langfristige ökotoxikologische Auswirkungen in den Vorflutern zu verhindern.

Venlafaxin-Konzentrationen am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen

Abbildung 8: Ermittelte Konzentrationen von Venlafaxin am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen im Zeitraum 2015 - 2023 und Vergleich mit einer Referenzstudie, die die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen im Zeitraum 2016 - 2022 überwacht

3.9 Benzotriazol

Benzotriazole (BTs) sind als eine Klasse heterozyklischer Verbindungen bekannt, die im täglichen Gebrauch und in industriellen Anwendungen allgegenwärtig sind. Die Struktur ihrer Stammverbindung 1H-Benzotriazol (BTri) besteht aus einem Benzolring, der mit einem fünfgliedrigen Ring mit drei Stickstoffatomen verschmolzen ist. Aufgrund ihrer korrosionshemmenden Eigenschaften sind BTri und seine zahlreichen Derivate, wie 4-Methyl-1H-Benzotriazol (4-TTri), 5-Methyl-1H-Benzotriazol (5-TTri), die Mischung aus 4- und 5-Methyl-1H-Benzotriazol (TTri), 5,6-Dimethyl-1H-benzotriazol (XTri) und 5-Chlor-1H-benzotriazol (CBT) werden häufig als Korrosionsinhibitoren in Flugzeugenteisungsflüssigkeiten (ADAF) und als Silberschutz in Geschirrspülmitteln verwendet (Seeland et al., 2012; Vetter & Lorenz, 2013), waschmittel- oder bleichmittelhaltigen Waschmitteln sowie Kühl- und Bremsflüssigkeiten (Janna et al., 2011; McNeill & Cancilla, 2009),. Zusätzlich zu den Korrosionsschutzadditiven können BTs auch als Antibeschlagmittel und Antimykotikum verwendet werden, während CBT meist als UV-Stabilisator in Kunststoffen eingesetzt wird (Pena et al., 2012). Es wurde auch über die Anwendung von BTs in der Textilindustrie berichtet (Shi et al. (2019).). Die Produktion und Anwendung von BTs ist weltweit enorm, so wurde beispielsweise die Produktion von BTri in den USA im Jahr 2012 mit 850 Tonnen angegeben (Giraudo et al., 2017).

Seeland et al. untersuchten die akute und chronische Ökotoxizität von Benzotriazolen bei Primärproduzenten (Desmodesmus subspicatus, Lemna minor) und zwei Daphnienarten (Daphnia magna, Daphnia galeata) (Seeland et al., 2012). Der Algenwachstumstest zeigte eine gehemmte Zellzahlzunahme mit Effektkonzentrationswerten (EC) von EC10 1,18 mg/L für Benzotriazol. Im Lemna-Test lag der ermittelte EC10-Wert für Benzotriazol bei 3,94 mg/L, während Daphnia magna mit einem EC50-Wert (48 h) von 107 mg/L betroffen war. Daphnia galeata war mit einem EC50 (48 h) von 14,7 mg/L empfindlicher. In den 21-tägigen Reproduktionstests mit Daphnia magna zeigte Benzotriazol keine nachteiligen Auswirkungen, während Daphnia galeata sich in der chronischen Studie mit EC10-Werten von 0,97 mg/L als empfindlicher erwies. Ein von Seeland et al. im Rahmen derselben Studie durchgeführter In-vitro-Test auf östrogene Aktivität verlief ebenfalls negativ (Seeland et al., 2012). Im Jahr 2016 hat das Schweizer Zentrum für angewandte Ökotoxikologie seinen Jahresdurchschnitt aktualisiert EQS für Benzotriazol auf 19 µg/L auf der Grundlage der oben beschriebenen Studie von Seeland et al.EAWAG, 2016). Die Website EQS wurde gemäß dem entsprechenden technischen Leitfaden der EU abgeleitet (Europäische Kommission, 2017). 

Die in der bayerischen Studie gefundenen Benzotriazol-Konzentrationen liegen deutlich unter den abgeleiteten EQS für Benzotriazol (19 µg/l). Dies deutet darauf hin, dass Benzotriazol, das aus Kläranlagen in Bayern freigesetzt wird, kein wesentliches ökotoxisches Potenzial besitzt. Es ist jedoch bekannt, dass die Toxizität von Mikroverunreinigungen in Gemischen additiv und/oder synergistisch wirken kann (M. Cleuvers, 2008; Michael Cleuvers, 2003, 2004; Galus et al., 2013). Die Durchführung einer vierten Behandlungsstufe zur Eliminierung von Benzotriazol und anderen Mikroverunreinigungen ist daher für Kläranlagen in Bayern angezeigt, um das ökotoxische Potenzial ihrer Abwässer zu verringern und unmittelbare und langfristige ökotoxikologische Auswirkungen in den Vorflutern zu verhindern.

Benzotriazol-Konzentrationen am Ablauf verschiedener Kläranlagen in Bayern

Abbildung 8: Nachgewiesene Benzotriazol-Konzentrationen am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen im Zeitraum 2015-2023 und Vergleich mit einer Referenzstudie, in der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen im Zeitraum 2016-2022 überwacht wurden

3.10 Candesartan und Irbesartan

Sowohl Candesartan als auch Irbesartan gehören zur Gruppe der antihypertonischen Arzneimittel aus der Sartangruppe. Irbesartan gilt als Stammvater der Sartan-Familie und wird allein oder in Kombination mit anderen Arzneimitteln zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt.

Die Überwachungsdaten für Arzneimittel der Sartan-Gruppe im Abwasser von sechs verschiedenen Kläranlagen (STPs) in Bayern und in acht Flüssen ergaben für Candesartan mittlere Konzentrationen von 0,46 μg/L im Abwasser und 0,06 μg/L in Oberflächengewässern (Bayer et al., 2014). Irbesartan wurde mit einer mittleren Konzentration von 1,25 μg/L in Abwässern und 0,08 μg/L in Oberflächengewässern gemessen (Bayer et al., 2014).

In einer 2021 durchgeführten Studie von Luongo et al. in der Aliivibrio fischeri (Bakterium), Daphnia magna (planktischer Krebs) und Raphidocelis subcapitata (Alge) für Bioassays verwendet wurden, wurde festgestellt, dass Candesartan und seine Abbauprodukte einige negative ökotoxikologische Auswirkungen auf die aquatische Umwelt haben und dass Abwässer, die Nebenprodukte des Candesartan-Abbaus enthalten, ein Schadstoffpotenzial aufweisen und negative Auswirkungen auf das Wasser- und/oder Bodengleichgewicht sowie auf die menschliche Gesundheit haben können (Luongo et al., 2021).

Auf der Grundlage von Langzeittests, die für Arten aus drei trophischen Ebenen nach international anerkannten Richtlinien durchgeführt wurden, hat der Pharmahersteller AstraZeneca eine vorausgesagte Nicht-Effekt-Konzentration (PNEC) von 100 µg/L für Candesartan (AstraZeneca, 2023b). Irbesartan ist aufgeführt mit einem EQS von 700 µg/L in der Ökotox-Datenbank (Charmillot et al., 2025). In einer von Díaz-Gamboa et al. im Jahr 2025 durchgeführten Risikobewertung wurde jedoch eine PNEC für Irbesartan in Fischen von 0,429 µg/L abgeleitet (Díaz-Gamboa et al., 2025). Da dieser Wert deutlich niedriger ist als der EQS in der Ökotox-Datenbank, wird sie bei der vorliegenden Risikobewertung angewendet.

Die in der bayerischen Studie gefundenen Candesartan-Konzentrationen liegen deutlich unter den abgeleiteten EQS für Candesartan (100 µg/l). Dies deutet darauf hin, dass Candesartan, das aus bayerischen Kläranlagen freigesetzt wird, kein wesentliches ökotoxisches Potenzial hat. Es ist jedoch bekannt, dass die Toxizität von Mikroverunreinigungen in Gemischen additiv und/oder synergistisch sein kann (M. Cleuvers, 2008; Michael Cleuvers, 2003, 2004; Galus et al., 2013). Eine Eliminierung von Candesartan in einer vierten Behandlungsstufe ist daher trotz seines geringen ökotoxikologischen Potenzials angezeigt. 

Candesartan-Konzentrationen in bayerischen Kläranlagen gefunden

Abbildung 8: Nachgewiesene Konzentrationen von Candesartan am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen im Zeitraum 2015 - 2023 und Vergleich mit einer Referenzstudie, in der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen im Zeitraum 2016-2022 überwacht wurden

In Abbildung 11 sind die nachgewiesenen Konzentrationen von Irbesartan am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen zwischen 2015 und 2023 dargestellt. Zusätzlich sind der Median und die Varianz einer Referenzstudie dargestellt, bei der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen zwischen 2016 und 2022 überwacht wurden (Wunderlin et al., 2024). Die in den Abwässern der bayerischen Kläranlagen festgestellten Irbesartan-Konzentrationen liegen größtenteils unter den mittleren Konzentrationen, die am Eingang der Kläranlagen in der Schweiz festgestellt wurden. Die in der bayerischen Studie ermittelten mittleren Konzentrationen sind fast durchweg höher als die abgeleiteten EQS für Irbesartan (0,044 µg/l). Dies deutet darauf hin, dass Irbesartan, das aus bayerischen Kläranlagen freigesetzt wird, ein erhebliches ökotoxikologisches Potenzial besitzt. Außerdem ist bekannt, dass die Toxizität von Mikroverunreinigungen im Gemisch additiv und/oder synergistisch sein können. Eine Eliminierung von Irbesartan in einer vierten Behandlungsstufe ist daher aufgrund seines erheblichen ökotoxikologischen Potenzials angezeigt.

Irbesartan-Konzentrationen am Ablauf verschiedener Kläranlagen in Bayern

Abbildung 11: Nachgewiesene Konzentrationen von Irbesartan am Ablauf verschiedener bayerischer Kläranlagen im Zeitraum 2015 - 2023 und Vergleich mit einer Referenzstudie, bei der die Konzentrationen am Zulauf ausgewählter Schweizer Kläranlagen im Zeitraum 2016-2022 überwacht wurden

4 Diskussion und Schlussfolgerung

Mit Ausnahme von Clarithromycin sind alle UWTD Bleisubstanzen wurden in den Abwässern bayerischer Kläranlagen in ausreichend hohen Konzentrationen nachgewiesen, um für die Überprüfung einer 90%-Eliminierungsrate verwendet zu werden. Da der Koeffizient mittlere Konzentration/Nachweisgrenze für Clarithromycin < 10 ist, müssen einige bayerische Kläranlagen bei der Berechnung der Eliminationsrate neu eingeführter vierter Behandlungsstufen möglicherweise andere Stoffe als Clarithromycin verwenden.

Auf der Grundlage der abgeleiteten UQN-Werte stellen Carbamazepin (MOS=0,91), Clarithromycin (MOS=0,87), Diclofenac (MOS=0,02) und Irbesartan (MOS=0,53) eine erhebliche ökotoxikologisch Potenzial, wenn man die mittleren Konzentrationen der Stoffe in den bayerischen Kläranlagenabwässern von 2015-2023 betrachtet. Betrachtet man nur die mittleren Konzentrationen in den Abwässern von 2023, so stellen Diclofenac (MOS=0,03), Venlafaxin (MOS=0,88) und Irbesartan (MOS=0,95) ein erhebliches ökotoxikologisch Potenzial. Soweit verfügbar, wurden die UQN-Werte gemäß dem entsprechenden technischen Leitfaden der EU abgeleitet (Europäische Kommission, 2017).

Die für die in diesem Dokument bewerteten Stoffe ermittelten ökotoxikologischen Potenziale unterstreichen die Notwendigkeit, in bayerischen Kläranlagen eine vierte Behandlungsstufe einzuführen, wie sie auch in der neuen EU-Richtlinie über kommunales Abwasser gefordert wird 2024/3019. Eine rechtzeitige Umsetzung der vierten Behandlungsstufe in bayerischen Kläranlagen ist auch aufgrund der festgestellten ökotoxikologisch Potenziale der bayerischen Abwässer im Jahr 2023 und die Tatsache, dass einige der bewerteten Stoffe das Potenzial haben, in der Umwelt zu persistieren und sich in Biota zu akkumulieren.

Außerdem ist der so genannte Cocktaileffekt von Mikroverunreinigungen wurde in der Studie nicht berücksichtigt ökotoxikologisch Bewertung für die UWTD-Leitsubstanzen. In den meisten ökotoxikologischen Studien wird die schädliche Wirkung einer bestimmten Substanz nachgewiesen, während die kumulative Wirkung niedrigerer Dosen mehrerer Substanzen weniger gut untersucht ist und erhebliche additive und/oder synergistische Effekte auftreten können. So wurde in einer kanadischen Studie nachgewiesen, dass eine Arzneimittelmischung mit 0,5 µg/L Paracetamol, Carbamazepin, Gemfibrozil und Venlafaxin die Morphologie der proximalen Nierentubuli bei Zebrafischen stark verändert (Galus et al., 2013). Die Studie hat ferner gezeigt, dass eine chronische Exposition von Fischen gegenüber Arzneimittelmischungen und Abwässern die Fortpflanzung beeinträchtigen und histopathologische Veränderungen hervorrufen kann, was darauf hindeutet, dass für Fischpopulationen, die in Abwässern eingeleiteten Arzneimitteln ausgesetzt sind, die Gefahr negativer Auswirkungen auf die Fortpflanzungsfähigkeit und die Gesundheit besteht. Ebenso können erhebliche Kombinationswirkungen zwischen Stoffen auftreten, die über dieselbe unspezifische oder spezifische Wirkungsweise wirken. So wurde beispielsweise festgestellt, dass Diclofenac und Ibuprofen beide unspezifisch durch unpolare Narkose in aquatischen Organismen aus verschiedenen taxonomischen Klassen wirken und bei Anwendung in einem Gemisch dem Konzept der Konzentrationsaddition in ökotoxikologisch Bewertungen (M. Cleuvers, 2008).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die im vorliegenden Dokument ausgewerteten verfügbaren Überwachungsdaten für den Zeitraum 2015-2023 die Notwendigkeit unterstreichen, in Bayern eine vierte Behandlungsstufe einzuführen, um das ökotoxische Potenzial der Abwässer zu verringern und eine sofortige und langfristige ökotoxikologisch Auswirkungen von Mikroverunreinigungen in Vorflutern.